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pax christi

menschen machen frieden - mach mit.

Unser Name ist Programm: der Friede Christi. 

pax christi ist eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie verbindet Gebet und Aktion und arbeitet in der Tradition der Friedenslehre des II. Vatikanischen Konzils. 

Der pax christi Deutsche Sektion e.V. ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Entstanden ist die pax christi-Bewegung am Ende des II. Weltkrieges, als französische Christinnen und Christen ihren deutschen Schwestern und Brüdern zur Versöhnung die Hand reichten. 

» Alle Informationen zur Deutschen Sektion von pax christi

Aktualität

Die Rechte liegen beim Autor: Hans Lipp Erschienen im Konradsblatt, Ausgabe Nr. 15 vom 11.04.2010

Radikal gelebter Glaube: Warum Max Josef Metzger gerade heute noch aktuell ist

 

Am 17. April 1944 ist der katholische Priester Max Josef Metzger als Opfer des NS-Terrors unter dem Fallbeil gestorben. Obwohl in Freiburg der Seligsprechungsprozess für ihn läuft, ist sein Leben, Wirken und Sterben noch weitgehend unbekannt. Dabei ist dieser prophetische Märtyrer gerade heute Zeit hochaktuell.

Manche seiner zu seinen Lebzeiten als weltfremd eingestuften Visionen sind längst Wirklichkeit geworden. Dies gilt etwa für seine mitten im Krieg absolut unrealistische Idee von einem Vereinten Europa. Auch die Fortschritte in der Ökumene waren zu seiner Zeit nicht vorstellbar – auch wenn die von Metzger erträumte volle kirchliche Einheit noch nicht erreicht wurde.
Manche Thesen Metzgers haben heute eine Brisanz, als ob sie nicht vor 70 Jahren, sondern bezogen auf die heutige Wirtschafts-, Finanz- und Umweltkrise, auf den Glaubensschwund und sogar im Blick auf die Gefahren der modernen Medien formuliert worden wären. Bruder Paulus, wie sich Metzger als Verehrer des Völkerapostels selbst nannte, hat über sich gesagt, es sei immer sein Verhängnis gewesen, dass er der Zeit etwas voraus war und daher nicht verstanden werden konnte.
Bereits im Jahr 1939 prangerte Metzger in einem Aufsatz die herrschende „Geldsucht, Ehr- und Herrschsucht, Genusssucht“ als den „dreifachen Spuk des dämonischen Zeitgeistes“ an. Geldsucht drücke dem Zeitalter des Kapitalismus den Stempel auf und sei das „Kainsmal“ nicht nur der Reichen. Weil man sich Ehre und Herrschaft mit Kapitalbesitz kaufe, „jagen die Ehr- und Herrschsüchtigen nach dem Geld“, so Metzger wörtlich. Zugleich beklagte er, dass „auch die Kirche, deren Lehr- und Hirtenamt in Menschenhänden liegt, dieser Versuchung ausgesetzt ist“ und ihr „da und dort … in ihren Vertretern auch erlegen ist und erliegt“ – für Metzger „ein ungeheurer Schaden für die Mission der Kirche“, die gerade auch darin bestehe, den Zeitgeist zu überwinden.
Mit Nachdruck verurteilte Metzger auch die weit verbreitete Genusssucht: Der Kapitalismus habe erst die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, „dass die Menschheit von heute einer raffinierten Genusssucht aller Art verfallen konnte, einer Sinn- und Triebbefriedigung ohnegleichen, durch die nach natürlichem Gesetz die Herrschaft des Geistes und zumal des Geistes Christi unmöglich gemacht wird“.
Alkoholismus, „Nikotinismus“, Zügellosigkeit und sexuelle Ausschweifung richteten nicht nur „unheimliche Verwüstungen in den Seelen“ an, beklagte Metzger, und fuhr dann fort: „Dabei denke ich nicht nur an die gröbsten Dinge, sondern vor allem an die schleichende geistige Entnervung, an die Bedrohung des Feingefühls und die Vergröberung des ganzen seelischen Empfindens, an die Minderung der sittlichen Entschlusskraft und des Selbstbehauptungsvermögens gegenüber der verwirrenden Suggestion der Umwelt …“ Angesichts der Tatsache, dass auch die gegenwärtige Krise ursächlich mit einer offenkundigen Selbstbedienungsmentalität vor allem in der Finanzbranche verbunden ist, wirkt diese Kritik Metzgers zeitlos aktuell.

„Wenn der Glaube verdunstet, ist Frieden nicht möglich“

Den Egoismus machte Metzger schon 1918, noch vor Ende des Ersten Weltkriegs, in einer Aufsehen erregenden Predigt in Graz für viele negative Entwicklungen verantwortlich. Vehement beklagte er, dass die sieben Seligpreisungen der Bergpredigt schon lange nicht mehr gehört würden.
Für ihn war es ein großes Ärgernis, dass auch schon dieser Krieg auf dem Boden des christlichen Abendlandes ausgetragen wurde, wo doch eigentlich die Bergpredigt Jesu gelebt werden sollte. Die Abwendung vom Liebesgebot Jesu, schon lange vor Beginn des Ersten Weltkriegs, habe zwangsläufig zu dieser Katastrophe geführt. Mit Kriegsbeginn, so Metzger, seien nur gleichsam die schützenden Kleider gefallen, die die Blöße Europas deckten, formulierte er in seiner bildhaften Sprache. „Und Europa wurde offenbar in seinem entsetzlichen Aussatz der allgemeinen Unwahrhaftigkeit und Verlogenheit, der Grundsatzlosigkeit und Gesinnungslosigkeit, der erbärmlichen Genussgier und Habgier, der niedrigen Selbstsucht und rohen Ungerechtigkeit. Das Moratorium (also die Abkehr von) der Bergpredigt galt schon lange als stillschweigendes Gesetz. An jenem unheilvollen Tag (als der Erste Weltkrieg begann), da wurde das unchristliche Gesetz öffentlich als Recht erklärt, die Bergpredigt vor aller Welt außer Kraft gesetzt.“
Für Metzger jedenfalls war klar: Wenn sich der Mensch an die Stelle Gottes setzt und sich nicht mehr einer höheren Instanz verantwortlich fühlt, wenn der Glaube verdunstet, dann ist ein dauerhafter Frieden im Zusammenleben der Menschen und der Völker nicht möglich. Unter Frieden verstand Metzger nicht nur den Verzicht auf kriegerische Auseinandersetzung, sondern umfassender eine innere und äußere Harmonie, die es nur geben könne unter der Herrschaft des „Friedensfürsten“ Jesus Christus, dem „König der Liebe“.
In unzähligen Publikationen, darunter auch Gedichten, und Predigten geht es Metzger um praktizierten statt theoretischen Glauben, um gelebtes Christentum. Darunter versteht er tätige Nächstenliebe, Umsetzung der Bergpredigt in den konkreten Alltag, damit die Kirche wieder neue Strahlkraft erlange, damit die Christen in der Welt wieder erfahrbar werden als Menschen, die so mit den Nächsten, mit allen Mitmenschen umgehen, wie sie selbst von den Anderen behandelt werden möchten. Durchgängig will Metzger in all seinem Tun vor allem die eine Botschaft verkünden: Gott ist die Liebe, und jeder mit Gott verbundene Mensch soll und muss diese Liebe ausstrahlen und an alle Mitmenschen und Mitgeschöpfe weitergeben.
Der diözesane Seligsprechungsprozess für Max Josef Metzger macht indes dem Vernehmen nach gute Fortschritte. Der delegierte Richter des Prozesses, der emeritierte Offizial des Erzbistums, Norbert Ruff, ist als „Iudex delegatus“ ebenso wie Professor Hugo Ott als Vorsitzender der Historischen Kommission neben weiteren Personen mit großem Engagement dabei, noch lebende Zeitzeugen zu vernehmen und das Leben sowie die bei Weitem noch nicht vollständig erfassten Schriften Metzgers zu sichten und in einer Computerdatei aufzubereiten.
Dabei wird naturgemäß auch nach allen möglichen Schattenseiten im Leben Metzgers gesucht. Diese Aufgabe hat der amtierende Offizial Michael Hauser als „Promotor Iustitiae“ übernommen. Wie ein Staatsanwalt sammelt er alles, was gegen eine Seligsprechung spricht.

Seltenes Geschick, sich beliebt und unbeliebt zu machen

Vermutlich hat Michael Hauser vor allem die ungewöhnlich dicke Personalakte Metzgers
im Erzbischöflichen Ordinariat durchforstet. Darin finden sich etliche Beschwerden über den sehr cholerischen Bruder Paulus. Er hatte ein seltenes Geschick, sich beliebt, aber auch unbeliebt zu machen. In den Akten befinden sich etwa Vorwürfe wegen körperlicher Züchtigung im Religionsunterricht (Prügelstrafe als Mittel der Erziehung war damals noch gang und gäbe), wegen übertriebenen Anforderungen oder überzogener Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen. Misstraut wurde auch seinen allzu engagierten ökumenischen Bestrebungen.
Bei genauer Analyse der negativen Aspekte zeigt sich allerdings, dass Max Josef Metzger als Priester ein untadeliges Leben geführt hat. Womit er aneckte und bei manchen zum Ärgernis wurde, das war vor allem die Radikalität seines Christseins. Er war ein Eiferer des Glaubens – und hatte dabei auch immer mit seinem cholerisch-leidenschaftlichen Temperament zu kämpfen.
Aus einigen Andeutungen von Mitgliedern des diözesanen Gerichtshofs kann geschlossen werden, dass in diesem Jahr das diözesane Verfahren weitgehend abgeschlossen werden kann. Allerdings müssen die wichtigsten dabei erfassten Daten für die zuständige vatikanische Kongregation noch ins Italienische übersetzt werden.
Ob die in Freiburg erarbeiteten Vorlagen für eine rasche Seligsprechung ausreichen, ist offen. Zu den vom Vatikan herangezogenen Kriterien für eine Seligsprechung gehört auch die Verehrung Metzgers als eines vorbildlichen (Blut-)Zeugen des christlichen Glaubens.
Diese Verehrung ist im Erzbistum Freiburg noch nicht in der Breite des Kirchenvolks, sondern eher punktuell spürbar – vor allem in kleineren Gruppierungen. Ihr Einsatz für die Seligsprechung von Max Josef Metzger entspringt der tiefen Überzeugung, dass er gerade heute als Vorbild für christliches Handeln in Politik und Gesellschaft stehen kann. Sein in glaubensloser Umgebung bewährter, unerschütterlicher Glaube, seine Kritik an einem nicht mehr an Gott, sondern an Gewinnmaximierung orientierten, menschenfeindlichen wirtschaftlichen Handeln und seine Vorstellung von einer an der Bergpredigt orientierten Sozialpolitik machen Max Josef Metzger zu einem ganz aktuellen Glaubenszeugen.